post-title Bubble-Gum, Flummis,
Krims- und Süßkram https://www.hirzenhain.net/wp-content/uploads/01-Automat-1.jpg 2019-03-25 07:16:57 yes no Posted by Categories: Blog, Unser Dorfleben

Bubble-Gum, Flummis,
Krims- und Süßkram

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Bubble-Gum, Flummis,<br />Krims- und Süßkram


In Hirzenhain gibt es noch ein knappes Dutzend der rund um die Uhr geöffneten Buble-Gumm- und Flummi-“Kaufhäuser”.Ein paar wenige Kaufhäuser, die rund um die Uhr und sieben Tage die Woche geöffnet haben, gibt es auch in Hirzenhain noch. Unweit der Metzgerei Müller befindet sich so eines, beim China-Restaurant in der Windhainstraße oder vor der ehemaligen Tankstelle von Spenglersch. Es sind verwahrlost aussehende und das kleine Glück verheißende Anachronismen des Konsums, die, fast unkaputtbar und robust, ihre besten Tage aber längst hinter sich haben: Kaugummiautomaten.

Irgendwie wirken diese mechanischen Ewiggestrigen wie aus der Zeit gefallen, haben selbige aber mehr oder weniger unbeschadet und in Aussehen und Design unverändert überdauert. Bundesweit hängen noch zwischen 500.000 und 800.000 Exemplare davon herum und ab. In Hirzenhain lässt sich ihre Zahl an den Fingern zweier Hände abzählen. Es sind Solisten, oder sie kommen als Zwei-Schacht-Geräte daher. Mitunter stehen auch drei und mehr Warenkammern zur Verfügung, was die Angebotsvielfalt entsprechend erhöht.

Das Portfolio ist nicht auf Bubble-Gum beschränkt. Süßigkeiten jedweder Art, Spielfiguren, Flummis, Anstecker, Krims- und klebriger Süßkram. Ringe mit unechten Edelsteinen. Phantasiefiguren aus Glibbermasse. Rosafarbene Gummi-Monster, die sich als Fingerkuppe verwenden lassen. Worauf Kinder halt so stehen oder standen, um hier einen Teil ihres ersten Taschengeldes zu investieren. Nicht wenige der heutigen Erwachsenen, die inzwischen achtlos dran vorbeigehen, dürften hier einst ihre erste selbstständige Transaktion als Konsumenten getätigt haben. Die Dinger gehören in Hirzenhain seit 60 Jahren zum Straßenbild. Sie sind faszinierende Zeitzeugen der eigenen Kindheit.


Hier muss der Konsument schon in die Knie gehen, um an den Ausgabeschacht zu gelangen. Dafür hängt der Zigarettenautomat in altersgerechter Erreichbarkeit.

Grundsätzlich sind sie tief angebracht, damit jedes Kind gut dran kommt. Die Kästen begegnen ihrer Klientel also auf Augenhöhe, meistens jedenfalls. Ausnahmen bestätigen die Regel. Vor der Metzgerei Müller beispielsweise müssen selbst die kleinesten  Kunden schon die Knie gehen, um sich bedienen zu können. Dafür hängt der Glimmstengelspender in altersgerechter Höhe.  Den Erwachsenen, für die sie einst Quelle des süßen Glücks waren, reichen sie gerade mal bis zur Hüfte. Der Einsatz beträgt 20 oder 50 Cent, mitunter auch einen ganzen Euro-Dollar. Eine 90-Grad-Drehung, und die Tier zum Billigspielzeug-Himmel öffnet sich einen kleinen Spalt weit.

Selbst an sonnigen Tagen ist es aber schwierig, im Dorf einen potentiellen Interessenten oder waschechten Automatenkunden auf frischer Tat zu ertappen. Weiß der Himmel, zu welch unchristlichen Zeiten die normalerweise zuschlagen und ihre Transaktionen abwickeln. Aber es muss sie geben. Sonst wären die optisch so abgegriffenen und oft mit Filzstiftbotschaften und/oder Schmierereien dekorierten Objekte ja längst ausgestorben – so wie die Dino-Saurier. Aber sie halten sich mehr oder weniger wacker und trotzen dem Konsumverhalten der Moderne.

Der Umsatz hält sich in Grenzen. Die Spanne, die abhängig von Ort, Angebot und Nachfrage ist, beträgt zwischen 20 und 100, in Ausnahmefällen 200 Euermännern pro Jahr. Davon kann kein Anbieter und Bestücker, von denen sich etwa tausend in Deutschland den Markt teilen, leben. Es sei denn, er hat mehrere tausend solcher Pferdchen im Rennen. Aber auch dann ist’s ein mühseliges Geschäft. Zumal die Zeiten hierzulande bevölkerungstechnisch auch nicht mehr so rosig sind. Weniger Kinder, weniger Umsatz. Die aufgeweckten Kids von heute haben mitunter ja auch ganz andere Präferenzen. Sie rennen mit ihren Smartphones durch die Gegend, um bei Pokémon Go ein Relaxo zu fangen, oder  lassen sich von Mama und Papa mit dem Auto zum nächsten Termin chauffieren, anstatt “uff de Gass” als Spontankäufer und im Vorbeigehen den Verlockungen eines Automatenschnäppchens zu erliegen. Ganz davon abgesehen, dass sich vielen Bedeutung und Zweck dieser Konstruktionen gar nicht mehr erschließen. Sie erscheinen wie Artefakte aus einer anderen Welt.

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