post-title Das fotografische Gedächtnis des Dorfes 2018-03-14 17:43:53 yes no Posted by Categories: Unvergessen

Das fotografische Gedächtnis des Dorfes

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Ohne die Hinterlassenschaft dieses Mannes wären wir in Hirzenhain nicht im Bilde. Eigentlich müsste er zeitlebens Schwielen am rechten Zeigefinger gehabt haben. So oft wie Josef Götzl auf den Auslöser seiner Kamera gedrückt hat. Der stille, bescheidene Mann aus dem Egerland war das fotografische Gedächtnis des Dorfes. Einer, der die Nachkriegszeit bis weit in die 80er Jahre hinein fast lückenlos dokumentiert und auf Platte gebannt hat.


 Er setzte Hirzenhain ins Bild: Josef Götzl

Es dürfte keinen Haushalt in Hirzenhain geben, in dem nicht mindestens eine Fotografie dieses begnadeten Lichtbildners an der Wand hängt. Mit wachen Augen und sicherem Gespür für’s Motiv hat er die kleinen und großen Ereignisse in seiner zweiten Heimat festgehalten und für die Nachwelt konserviert. In Schwarz-Weiß. Farbfotografie war anfänglich und zu seiner Zeit noch nicht so verbreitet – und auch etwas zu teuer. Aber in Monochrom gehaltene Schnappschüsse sind von ihrer atmosphärischen Tiefe dem Farbrausch der Moderne sowieso deutlich überlegen.

Auch diese Chronik wäre ohne das Erbe dieses emsigen Lichtmalers nur halb so illustrativ ausgefallen. Bei der Bebilderung konnten wir aus dem Vollen schöpfen. Dank eines opulenten von Josef Götzls Sohn Helmut in Ehren gehaltenen Archivs. Ein klein wenig hat auch der Junior gen-technisch etwas von seinem alten Herrn abbekommen. Nur kanalisiert sich das anders – im Filmen.  Helmut Götzl führt Papas Wirken mit anderen Mitteln fort. Bei ihm laufen die Bilder.

Der Senior, Jahrgang 1910, hatte sein Handwerk im Geschäft seines Onkels im egerländischen Falkenau  gelernt und sollte dieses später übernehmen. Doch es kam anders. Die Vertreibungswelle, die Millionen Deutschen heimatlos machte, spülte ihn und seine Familie 1946 ins Auffanglager nach Burg. Und von da bis nach Hihai war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Allerdings: Mit Fotografieren allein konnte der Mann seine Ehefrau Luise und die zwei Kinder nicht ernähren. Das lief zwar nebenbei weiter, aber seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Arbeiter in der Simmersbacher Schiefergrube und später als Bergmann auf der Amalie.

In dem kleinen Fotogeschäft, das Josef Götzl nebenbei betrieb und das nach viermaligem Umzug schließlich im neu erbauten Eigenheim auf dem Beul zur ersten Anlaufadresse für Porträtierer und Porträtierte wurde, haben Generationen von Hirzenhainern ihre Urlaubsfilme entwickeln und sich für den Personalausweis oder ähnliche Dokumente ablichten lassen.

Anstrengende Fotosessions

Die Fotosessions hier waren mitunter recht anstrengend. In dieser Hinsicht galt der Meister als ziemlich eigen und penibel. Bis nicht jede Haarsträhne seiner Modelle so lag, wie er sich das vorstellte, der knitternde Hemdkragen nicht geglättet oder Bluse knitterfrei war, gab sich der Mann nicht zufrieden. Ab und an musste auch schon mal maskenbilderisch etwas nachgeholfen werden. Das Ergebnis war dann aber auch entsprechend. Halt perfekt. Die „Ahnengalerie“ aus Götzls Nachlass ist ein Spiegelbild der Hirzenhainer Einwohnerschaft über viele Jahrzehnte hinweg. Viele der Abgebildeten sind längst zu Staub zerfallen, aber sie leben in diesen Werken weiter.

Natürlich haben auch die Zeitungen von Josef Götzls Kunst profitiert. Ohne seine Hasselblad um den Hals verließ er das Haus nie. Die Heimatblätter griffen gerne und immer mal wieder  auf seine Aufnahmen zurück. Wobei vor allem jene eindrucksvolle Serie vom „Almauftrieb“ lichtbildnerische Unsterblichkeit erlangt hat. Die Schnappschüsse von der durch das Dorf trabenden Kuhparade krönen ein Gesamtwerk, das für alle, denen die Vergangenheit ihres Ortes etwas bedeutet, von unschätzbarem Wert ist.

Josef Götzl starb 81jährig am 26. Januar 1992. Und damit ein ganz Großer seiner Zunft.

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