post-title Das „Männchen“ ließ sich nicht unterkriegen 2018-03-14 17:45:25 yes no Posted by Categories: Unvergessen

Das „Männchen“ ließ sich nicht unterkriegen

Posted by Categories: Unvergessen

Eines Morgens, im Sommer 1946 war’s, stand er, seine Ehefrau im Schlepptau, vor der Hirzenhainer Tür. Ein ausgemergelter kleiner Mann, hinter dessen dicken Brillengläsern ein paar wache, lustige  Augen blinzelten. Wie drei Millionen andere Deutsche waren auch diese beiden Menschen von den Tschechen aus der Heimat vertrieben worden und hatten alles Hab und Gut zurücklassen müssen. Viel hatten die beiden auch zu Hause schon nicht besessen, aber jetzt hatten sie gar nix mehr.


„Milchpolizist“ Rudolf Seifert

Der Mann hieß Rudolf Seifert und hatte sich zuvor seine Brötchen im hintersten Winkel Böhmens als Stall- und Pferdeknecht verdient. Kein einfaches Leben, zumal der cholerische Gutsherr sein Personal wie Leibeigene behandelte. Seifert durfte nur im Stall schlafen. Mehrmals wurde er derart misshandelt, dass er  eine lebenslange Gehbehinderung und eine vekrüppelte Hand davontrug.

Entwurzelt und vor dem Nichts stehend war er von jetzt auf gleich gezwungen, sich in der Fremde anderweitig durchzuschlagen. Er tat das auf vielfältige, aber stets ehrliche Art und Weise und war sich für keine noch so vermeintlich „niedere Arbeit“ zu schade. Die kleine Rente, die ihm später zuerkannt wurde, reichte hinten und vorne nicht aus. Trotz äußerster Sparsamkeit fehlte es an allen Ecken und Enden.

Mit Gelegenheits-Jobs hielt sich der pfiffige Bursche mehr schlecht als recht über Wasser. Oft sah man ihn, durch ein Seil gesichert, das seine Frau in der Hand hielt, im Müll-Loch am „Gäle Stroch“ nach Verwertbarem wühlen. Meist fand er auch noch etwas Brauchbares. Und wenn es nur ein paar Stücke vermodertes Holz waren, die dann daheim im Ofen verfeuert wurden. Trotz der widrigen Lebensumstände verlor der kleine Mann seinen Humor nie. Bis zuletzt nicht. Andererseits konnte er aber auch ziemlich zornig werden, so jemand versuchte, ihm am Zeug zu flicken.

 

Den Spitznamen „Milchpolizist“ hatte sich Rudolf Seifert schon gleich zu Anfang in Hirzenhain eingefangen. In den Nachkriegsjahren gab es an der Milchsammel- und Ausgabestelle auf der Bach nur „Stoff“ gegen Bezugsscheine. An den entsprechenden Terminen bildeten sich jeweils lange Menschenschlangen. Da wurde (vor-) gedrängelt und geschubst. Im Auftrag des Bürgermeisters sorgte Seifert für Ordnung und verschaffte sich trotz seiner nicht gerade titanenhaften Gestalt schnell Respekt.

Von seiner Ankunft in Hirzenhain bis zu seinem Tod am 24. Februar 1982 lebte und wohnte „das Männchen“, so die ortsübliche Bezeichnung, in einer der am Anwender stehenden ehemaligen Fliegerbaracken. Und die waren nicht gerade ein Ausbund an Komfort.

Anfänglich noch mit etwas Misstrauen beäugt, hatten die Hirzenhainer diesen freundlichen und humorvollen Burschen irgendwann und irgendwie ins Herz geschlossen. Und als er und seine zweite Frau viele Jahre später krank und gebrechlich wurden und als sogenannte „Sozialfälle“ zu enden drohten, sorgten einige engagierte Einwohner dafür, dass sie einen Lebensabend in Würde verbringen konnten. Freiwillige Helfer renovierten die baufällige Behausung, organisierten Mobiliar und Küchengeräte, besorgten Lebensmittel, Kleidung und Medikamente.  Und sie übernahmen auch die Kosten für die Beerdigung.

Seine erste Frau hatte Rudolf Seifert durch eine tragischen Unglücksfall verloren. Sie starb an ihren starken Verbrennungen, die sie bei einem Zimmerbrand erlitten hatten. 1971 heiratete er ein zweites Mal. Wobei er, um es einmal vorsichtig zu formulieren, nicht unbedingt das große Los gezogen hatte. Belassen wir es in diesem Zusammenhang bei einem Bibelzitat: „Es ist besser wohnen im Winkel auf dem Dach, denn bei einem zänkischen Weibe in einem Haus beisammen“. Und jetzt das Wetter…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.