post-title Der „blenne Ernst“: Ein Leben als Organist 2018-03-12 17:43:24 yes no Posted by Categories: Unvergessen

Der „blenne Ernst“: Ein Leben als Organist

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Es gibt und gab Menschen, die muss(te) man einfach mögen. Nicht nur deshalb, weil es ganz einfach unmöglich war, mit ihnen in  Streit zu geraten. Sondern vor allem, weil diese Zeitgenossen von ihrem ausgleichendem, liebenswürdigen Wesen, ihrem Charakter und ihrem Naturell her so gestrickt waren, dass sie anderen, ohne dass sie es selbst darauf angelegt hätten, als Vorbild dienten. Ein gewisser Ernst Schmidt war, man darf den Ausdruck in diesem Zusammenhang ruhig gebrauchen  eine solche „Lichtgestalt“.


Ernst Schmidt auf dem Weg zu seinem sonntäglichen Arbeitsplatz.

Die Hirzenhainer kennen ihn als „den blenne Ernst“. Weil dieser Mann, vermutlich war’s der graue Star, schon in früher Kindheit sein Augenlicht verloren hatte. Und sich trotzdem nicht unterkriegen ließ und sein Leben meisterte. Das gilt auch für seine Schwester, das „Mienchen“. Eine Frau von ähnlich angenehmem Naturell. Dritter im geschwisterlichen Bunde war Robert, der Bäcker, der Jahrzehntelang im Oberdorf den Teig knetete.

Was für andere ein beklagenswertes Handicap war, stellt für Ernst Schmidt eine anspornende Herausforderung dar. Er machte aus der Not eine Tugend. Motto: Packen wir’s an. Trotz seiner Sehbehinderung legte er wacker und tüchtig in der Landwirtschaft mit Hand an. Er war bescheiden und gönnte sich gerade mal einen Luxus: Das Pfeifchen. Den benötigten Stoff, „Strang“ genannt, besorgte ihm meistens die Großnichte bei Spenglers. Kostete damals 80 Pfennige, reichte dann aber auch für ein paar Wochen Qualmerei aus. 20 Pfennige Belohnung gab’s fürs Holen, die dann gleich an Ort und Stelle in Süßigkeiten investiert wurden. Jutta Dobener erinnert sich noch sehr gut an diese Zeit. Der Mann sei eine Seele von Mensch gewesen, schwärmt sie heute noch.

Und Ernst Schmidt kannte das Dorf wie seine Westentasche. Sich in den Straßen und Gasse ohne fremde Hilfe und Begleitung zu orientieren, zählte zu seinen leichtesten Übungen. Das klassische Foto, das ihn mit seinem Blindenstock bewaffnet forsch der Kirche entgegenstrebend zeigt,  ist Bestandteil vieler Hirzenhainer Erinnerungsalben.

Ja die Kirche, hier war sein „Arbeitsplatz“. 48 Jahre lang hat der Mann hier Sonntag für Sonntag und natürlich bei vielen weiteren relevanten und besonderen Anlässen die Tasten bedient – die der Orgel. Und dabei nie danebengelegen. Eine unvorstellbar lange Zeit.  Ernst Schmidt war nicht nur ungemein belesen – die in Blindenschrift gehaltene Literatur bezog er per Post vom Marburger Blindenbund – sondern in höchstem Maße musikalisch. Die Partituren übte er daheim auf einem kleinen Harmonium, ehe sie vor Ort im Gotteshaus ihren vollen Klang entfalteten. Damit die Einsätze stimmten, stand ihm jeweils ein Konfirmant zur Seite. Dessen Aufgabe war es, dem Musiker durch eine Berührung zu signalisieren, dass er jetzt loslegen sollte. Beispielsweise in dem Moment, wenn der Pfarrer Einzug hielt, oder je nachdem, auch das Brautpaar. Die Assistenten waren dabei nicht immer zimperlich, weshalb sich der Organist ab und an auch beschwerte: „Aua! Jung, schloh nit su feste!

Daneben engagierte er sich selbst als Prediger. Beim CVJM beispielsweise oder der landeskirchlichen Gemeinschaft. Ernst Schmidt wurde nur 69 Jahre alt. Er starb überraschend am 26. April 1969 und wurde bis zur Beerdigung in der Kirche aufgebahrt, dort, wo er Jahrzehnte lang für Wohlklang gesorgt hatte. So einen großen Trauerzug hat Hirzenhain seitdem nie mehr gesehen.

Die wohl treffendste Charakterisierung stammt von Pfarrer i.R. Dietrich Eizenhöfer. Der Verstorbene sei von hoher Intelligenz gewesen, aber noch mehr durchdrungen von einer tiefen Gläubigkeit und einer von eben dieser geprägter Heiterkeit und Weisheit. Besser kann man es nicht formulieren.

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