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Hirzenhainer Wilhelm https://www.hirzenhain.net/wp-content/uploads/Wilhelm-Kombi.jpg 2019-04-08 12:19:30 yes no Posted by Categories: Blog, Unser Dorfleben

Erinnerungen an den
Hirzenhainer Wilhelm

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Erinnerungen an den<br /> Hirzenhainer Wilhelm


So behalten wir ihn in Erinnerung: Der Wilhelm und sein „Hecht“. Alternativ durfte es aber auch schon mal ein „Stumpen“ sein.

Wilhelm ist (nicht nur) in Hirzenhain ein weit verbreiteter Name. Viele prominente Persönlichkeiten hießen so. Armbrust-Olympiasieger Tell beispielweise, oder der Prinz von Oranien. Aber die interessieren hier jetzt weniger. “Unser” Wilhelm war wesentlich “geerdeter” und hat durch große Taten auch nie den Lauf der Geschichte beeinflusst. Trotzdem ist er in der Erinnerung vieler nach wie vor präsent – auch fast 25 Jahre nach seinem Tod. Dies u.a. deshalb, weil viele Geschichten, die man sich heute noch gerne erzählt, mit seinem in aller Bescheidenheit geführten Leben verknüpft sind.

Klingt jetzt vielleicht etwas hochgestochen, aber irgendwie war dieser Kerl schon so etwas wie eine  “Person der Zeitgeschichte”, der lokalen freilich nur. Aber auch das stimmt wieder nicht ganz. Denn: Weit über die Ortsgrenzen hinaus, bis in die entlegensten Winkel des Hinterlandes und des Dillkreises, war seine außergewöhnliche Gestalt ein gewohnter Anblick. Was vor allem seinem bis ins hohe Alter hinein ungebrochenen Wanderdrang geschuldet war. Der Hirzenhainer Wilhelm war gut zu Fuß. Eine auffällige Erscheinung und bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund – in Gladenbach ebenso wie in Rittershausen, Dillenburg, Haiger oder Breitscheid. Und später auch im Vogelsberg.

Von Geburt geistig berhindert, galt dieser einfache, liebenswerte Mann als dörfliche Institution, die man ob ihrer textilen Präferenzen weder hier noch anderswo verwechseln konnte. Drei bis vier alte und dutzendfach geflickte Jackets, dicker Wintermantel, wahlweise Schirmkappe oder Hut, derbe Schnürschuhe, langer “Stecke” – und der Wilhelm war ausgehfertig. Diese Garderobe, die selten einmal variierte, trug er bei seinen ausgedehnten Touren sommers wie winters spazieren – bei klirrendem Frost ebenso wie bei sengender Hitze.

Ja und dann natürlich der obligatorische “Hecht”, mit dem der Bursche in der Luft herum zu fuchteln pflegte, wenn der stinkende, schmauchende Kloben nicht gerade im Mundwinkel festsaß und seine gefürchteten, beißenden Wolken emittierte. Das Pfeifchen gehörte neben zahlreichen, stets mitgeführten Ersatzmodellen zur unverzichtbaren Grundausstattung. Hin und wieder durfte es auch ein billiger Stumpen sein  – Hauptsache es qualmte. Mehr brauchte es nicht zu Glück und Zufriedenheit. Und zufrieden war dieser Mensch. Missmutig oder übel gelaunt hat man ihn nie gesehen.

Wer ihn ärgerte, bekam Ärger


In „Ehre Schmidde“ machte Wilhelm Bieber auch gerne Station. Dort gab es immer Gelegenheit zu einem Schwätzchen, beispielsweise mit Ernst Hermann (links).

Böse wurde diese ortsbildprägende Figur allerdings mitunter schon – und zwar dann, wenn sie sich – Kinder können ja so grausam sein – verspottet fühlte. Nicht selten wurde dieses Original zur Zielscheibe jugendlicher Streiche. Aber der Zorn war dann auch immer schnell wieder verraucht. Zumal die Strafe meist auf dem Fuße folgte. Die Erwachsenen duldeten es nicht, dass ihr Nachwuchs sich an diesem Mitbewohner abarbeitete. Kam’s heraus, gab’s daheim gewaltig was auf die Lauscher. Dahingehend war die Toleranzschwelle der Erziehungsberechtigten ziemlich niedrig. Der etwas schrullige Wilhelm galt als sakrosankt und war somit eigentlich unantastbar. Ihn hatte man/bub gefälligst in Frieden zu lassen. Das war ungeschriebenes Gesetz. Wer es brach, stellte sich außerhalb der Gemeinschaft und bekam das empfindlich zu spüren.

Dieser “Narrich Wilhelm” war, obwohl er gerne mal den einen oder anderen Groschen abstaubte, kein “Nassauer”. Und auch kein Müßiggänger. Nach Besuch der Volksschule war der Bub zunächst seinem Vater im Steinbruch zu Hand gegangen und später, wenn Not am Manne war, als Ersatz-Schafhirte eingesprungen. Auch die Kühe hütete er nach dem Krieg und machte sich, gegen ein entsprechendes Honorar natürlich, nützlich, wo er konnte. Trug Briketts in die Keller, Mehlsäcke in die Backstube, Holz in die Schuppen.

Geburtstagssilber und Maardegroschen


Im Dillkreis und im Hinterland kannte den Hirzenhainer Wilhelm jedes Kind.

Daneben hatte er seine angestammten Anlaufstellen, wo man ihn auch nie enttäuschte und wo es dann auch schon mal etwas außer der Reihe für lau gab. Ansonsten zu besonderen (Fest)-Anlässen immer. An seinem Geburtsgag, dem 17. September, sowieso. Ein Termin, der fast jedem im Ort geläufig war. Eher konnte man schon mal den eigenen Hochzeitstag vergessen als dieses Datum. Dann winkten sogar Silberlinge. Das “Chriskinnche” zu Weihnachten und das Maardegeld waren weitere fest einkalkulierte und todsichere Einnahmeposten. Zum Fliegerfest gab’s auch immer einen Verzehrkostenzuschuss, doch wurde der eigentlich nie zweckentsprechend verwendet. Dafür war der Wilhelm zu knauserig. Es ging nämlich auch anders.

An Kleingeld herrschte kein Mangel

Da entsprechende Einnahmequellen aber auch in den vielen anderen Dörfern sprudelten, die er im Zuge seiner weitläufigen, als Marathonläufe der gemäßigten Gangart ausgelegten Exkursionen ansteuerte, herrschte an Kleingeld nie Mangel. Drei, vier prall gefüllte Geldbörsen beulten die Taschen immer aus oder versteckten sich in den geheimnisvollen Untiefen der mehrlagigen Garderobe. Deshalb galt der Wilhelm auch als “reichster Mann von Hirzenhain”, der zu sein er selbst aber immer entrüstet bestritten hat. Und die, die das kolportierten, meinten das natürlich auch nicht wirklich so.

Er selbst hielt es da mit seinem britischen Namensvetter Wilhelm, ähm William Shakespeare: “Meine Mittel will ich so verwalten, dass wenig davon weit soll reichen”. Gesagt, getan. Ein Beispiel soll seine Einstellung zur Sparsamkeit verdeutlichen. Nahm der Reisende mal, was selten genug vorkam, den Bus, um nach Dillenburg zu gelangen, hielt der Fahrer vergeblich die Hand auf. Sein Passagier weigerte sich vehement, ein Ticket zu lösen. Und machte plausible Gründe geltend: “Dau fierst doch suwiesu do nob!”

Auf der Bach ging es rund

Apropos fahren: Das geht auch mit einem Karussell. Ein solches drehte sich bis Ende der 50-er Jahre ein-, zweimal im Jahr auf dem kleinen „Festplatz“  an der Bach – betrieben von einem Gebrüderpaar aus dem Hinterland. Die beiden ließen den Wilhelm umsonst fahren – und er genoss es sichtlich, stundenlang.

Ein kleiner Charmeur war er nebenbei auch. Die an die holde Dorf-Weiblichkeit verteilten Komplimente mündeten immer in die Frage, ob deren Empfängerin gegebenenfalls auch bereit wäre, ihn zu heiraten. Und da spielte es keine Rolle, ob „dey Maaereche“ zu diesem Zeitpunkt 17 oder 82 Jahre alt waren. Dieses Anbagger-Ritual endete stets mit einem (aber niemals verletzenden) freundlich formulierten Korb, was dem Wilhelm aber nichts weiter auszumachen schien.

Odyssee in den Vogelsberg

Seine weiteste Unternehmung hat ihn einst bis in den Vogelsberg geführt. Und das kam so: An einem besonders ungemütlich-regnerischen Tag war er von einem ortsfremden Autofahrer aufgelesen worden, der glaubte, es mit einem Anhalter zu tun zu haben. Auf die Frage hin, was denn sein Ziel sei, nannte der Wilhelm natürlich Hirzenhain. Dort kam er auch wohlbehalten an, allerdings im falschen. Bei Büdingen gibt es nämlich noch einen Ort dieses Namens. Wie die Odyssee endete, auf welchen verschlungenen Pfaden der Mann dann schließlich im richtigen Hirzenhain landete, darüber kursieren unterschiedliche Versionen.

In seinen letzten Lebensjahren hatte sich der Mann mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die Beine wollten nicht mehr so recht. So einfältig oder gar dumm, wie viele glaubten, war er auch überhaupt nicht. Aber diese Erkenntnis machte sich im Dorf erst nach und nach breit. Gut, ihn im Nachhinein ein ausgekochtes Schlitzohr zu nennen, wäre übertrieben. Aber pfiffig war der Kerl schon. Ihm zugeschrieben wird auch das längst zum geflügelte Wort gereifte Postulat “Was wahr ist, kann man sagen”. Er selbst hatte sich sein Leben lang daran gehalten. Dieses endete 1995. Am 23. März dieses Jahres wurde Wilhelm Bieber zu Grabe getragen. Er wurde 77 Jahre alt. Das ganze Dorf erwies ihm die letzte Ehre. Dieses liebenswerte Original hat die Zeiten in den Herzen der Hirzenhainer überdauert.

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