post-title Der Lenn-Jung: Ein Spielmann aus Passion 2018-03-14 17:44:59 yes no Posted by Categories: Unvergessen

Der Lenn-Jung: Ein Spielmann aus Passion

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Dieser Mann war ein Spielmann – im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn man etwas mit Willi Baum in Verbindung bringt, dann ihn und seine „Knutsch“. Der Lenn-Jung und die „Quetschkommode“, das ist ein Bild, dessen beide Komponenten unzertrennbar miteinander verbunden sind. Auf alten Bildern taucht diese Konstellation immer wieder auf – in den unterschiedlichsten Variationen und im Rahmen unterschiedlichster Anlässe.


Die „Knutsch“ war Willi Baums Markenzeichen.

Ihn gibt es natürlich längst nicht mehr – ebenso wie das nach ihm benannte (Lenn-)Haus. Letzteres modert im Hessenpark vor sich hin, steht aber vor allem den Älteren noch ebenso vor Augen wie er selbst. Willi Baum war so eine Art Dorfmusikant – eine frühe Ausgabe von Hansi Überall. Nur, dass er nicht in die Saiten, sondern eben in die Tasten haute. Mit seiner obligatorischen Ziehharmonika war der Stimmungsmacher ein gern gesehener Gast auf diversen Partys, die seinerzeit natürlich noch nicht so anglizistisch hießen. Er hat den Soundtrack zu ungezählten Festivitäten beigesteuert, auch am heutigen Tanzplatz, auf bzw. an dem sich die damalige Jugend, anknüpfend an eine uralte Tradition, zur geselligen Parkettartistik  traf.  Da verselbstständigte sich die widerspenstige Haartolle und hüpfte ihm im Takt wippend im Gesicht. Sein Repertoire an fidelen Evergreens und Volksweisen schien unbegrenzt. Notfalls wurde halt improvisiert.  Einen von wem auch immer verfassten Vierzeiler über ihn gibt es auch: „Dr Lenn-Jung leif den Hormoarg ruff mit em Orwel Käs, koam de Fley en schiss‘ im druff, do woar dr Lenn-Jung bies“.

Und da war der kleine Laden, der er an der Hauptstraße in Sichtweite seines fachwerklichen Anwesens betrieb. Im Vergleich zu diesem ein eher schmuckloser Bau, aber funktionell. Hier gab es Bonbons und Lutscher für fünf Pfennige, Brause und andere leckere Wunderdinge. Für Kinder ein kleines Paradies der Begehrlichkeiten, ebenso bedeutsam wie für den verwöhnten Konsumenten von heute das KaDeWe in Berlin – nur eben halt etwas kleiner. Wenn das Kleingeld der Kunden, die kaum über den Tresen schauen konnten, mal nicht reichte, gab’s auch schon mal Treuerabatt. Die „Shopping-Mall“ wurde später von Walter Theis weiter geführt.

Nachbarn von damals erinnern sich an eine Begebenheit, die den …. an den Gesetzmäßigkeiten der zeitgenössischen Heiztechnik zweifeln ließ. Er konnte noch so viel im Ofen herumstochern und diesen mit Kohle und Holzscheiten füttern, der Heizapparat kam einfach nicht auf Touren. Weil:  Der örtliche „Höhenflächendesigner“ hatte sich, während er auf dem unmittelbar angrenzenden Nachbarhaus mit Dachdeckerarbeiten beschäftigt war, einen Schabernack erlaubt und den Schornstein des Lenn-Jungs kurzerhand mit einem Kuchenblech blockiert.

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