post-title Die Wilhelmsteine als
Kraftort und Naturheiligtum https://www.hirzenhain.net/wp-content/uploads/Wilhelm-7-Novak-Beitrag.jpg 2019-03-15 07:22:35 yes no Posted by Categories: Blog, Geschichte

Die Wilhelmsteine als
Kraftort und Naturheiligtum

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Die Wilhelmsteine als<br />Kraftort und Naturheiligtum


Etwas Mystisches, Geheimnisvolles liegt über den Wilhelmsteinen im Schelderwald. Fehlt nur noch, dass „Gandalf“ oder einige Hobbits um die Ecke linsen. Foto: Dieter Stegmann

Genau genommen liegen die Wacker ja auf Siegbacher Territorium. Aber so eng sehen wir das nicht. Gerade mal 100 Meter südöstlich davon verläuft schon die Grenze zu Eschenburg und damit zu Hirzenhain. Und eigentlich haben wir die aus Eisenkieselgestein bestehende Felsengruppe ja längst vereinnahmt. Ach so: Die Rede ist von den Wilhelmsteinen im Schelderwald.

Für die einen sind das nicht mehr als ein paar profane, wenn auch ziemlich beeindruckende Felsklumpen, andere sehen in dem inmitten lichter Buchenbestände 750 Meter südöstlich des Fernsehturms Angelburg gelegen Areal einen magischen Ort. Annobatsch kreuzten sich unweit davon frühgeschichtliche wie auch spätmittelalterliche Fernhandelswege. Heuer gilt der Punkt als beliebtes Wander- und Ausflugsziel und ist am Himmelfahrtstag seit Generationen Schauplatz von Waldgottesdiensten.


Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um in dem Felsvorsprung in der Mitte ein menschliches Gesicht mit Hut zu erkennen. Foto: Dieter Stegmann

Seinen aktuellen Namen verdankt das aus imposanten, bis zu 15 Meter hohen Eisenkieshärtlingen bestehende Ensemble Herzog Wilhelm von Nassau, der dort Anno Domini 1830 mal eben kurz zu einer Rast aufgeschlagen war. Wilhelm Georg August Heinrich Belgus galt bei der hiesigen Bevölkerung als ziemlich populäre und angesehene Figur, weshalb die bis dato als „Buschsteine“ firmierende Stätte kurz nach dem frühen Tod des adeligen Regionalchefs 1839 entsprechend und ihm zu Ehren umgetauft wurde.
Gemessen am tatsächlichen Alter der Gesteinsformation ist diese kleine, lokal-historische Episode ein kaum messbarer Wimpernschlag im Antlitz der (Erd-)Geschichte. 350 Millionen Jährchen dürften die Anfänge der Felsgruppe zurückreichen, die sich damals auf dem Grund des fast das ganze heutige Deutschland bedeckenden Ozeans durch untermeerischen Vulkanismus herausgebildet hatte. Ob damals schon der Dunkleosteus, ein räuberischer, bis zu zehn Meter langer Panzerfisch, oder der legendäre Quastenflosser durch die Urzeit-Fluten geblubbert sind, weiß man nicht. Und wenn, haben sie bestimmt keinen Gedanken an das spätere Hirzenhain oder Tringenstein verschwendet.

Atmosphärischer Zauber

Wenn Steine reden könnten, diese „Schelder-Nordwand“ hätte bestimmt eine Menge zu erzählen. Wer sich dem offensichtlichen atmosphärischen Zauber dieses oft auch romantisch verklärten Ortes aussetzt, kurz innehält und die Fantasie etwas Gassi gehen lässt, wird das gewisse Etwas, das Besondere und Unerklärliche erahnen, das über der Stelle liegt. Auf Vertreter der Fotografen- und Pixelfraktion hat diese geheimnisvolle Installation schon immer eine magische Anziehungskraft ausgeübt. Das Licht ist diffus und überirdisch, rätselhaft und unergründlich. Es erzeugt ein Ambiente des Vagen und Orakelhaften. Die herumliegenden, mit Moos bewachsenen Wacker scheinen Titanen beim Würfelspiel aus dem Becher gehopst. Eine Aura des Delphischen. Das Mystische, Geheimnisvolle dieses im Koordinatensystem mit 50° 472 5.623 N, 8° 262 1.383 E beschriebenen Punktes mit der Kamera einzufangen, daran haben sich schon Generationen Bildgestalter versucht. So auch der aus Dillenburg stammende Fotograf Dieter Stegmann. Dem Mann sind einzigartige Aufnahmen geglückt. Zu bewundern ist das ganze hier: Wilhelmsteine

Ein Prosit auf Braciaca


Die Felsgruppe dürfte vor 350 Millionen Jahren durch untermeerischen Vulkanismus entstanden sein. Die verwitterte Bank im Vordergrund ist hingegen etwas jünger. Foto: Dieter Stegmann

Eigentlich müssten jeden Moment Gallum, Gandalf oder ein paar Hobbits um die Ecke linsen. Oder zumindest Fred Feuerstein mit Barnie Gerölleimer im Schlepptau. Sollten sich hier dann auch noch etliche keltische Oberdruiden zu Ehren ihrer heidnischen Götter zum gallischen Squaredance formieren, wen würde es wundern? Let’s dance! Arvernus, Baldruus oder Braciaca hätten sich gefreut. Letzterer ist bzw. war übrigens bei den keltischen Turniertrinkern für das Bier zuständig und galt als entfernter Verwandter von Dionysos. Elfen und Feen gibt’s dann als Zugabe.

Kraftort und Naturheiligtum


Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei dem heutigen Naturdenkmal um ein bedeutendes vorchristliches Heiligtum gehandelt hat. Foto: Markus Novak

Die  „William-Stones” werden ja, wie die Erdacher Steinkammer-Höhlen auch, in einschlägigen Registern zu den „Kraftorten“ bzw. Naturheiligtümern gerechnet, wo sich magnetische Linien kreuzen und kosmisches Licht einströmt.  Man vergleicht sie oft mit dem Opferplatz „Maximilianfelsen“ in Bayern. Welche unsichtbaren Energieflüsse dort plätschern mögen, erschließt sich aber wohl nicht jedem. Die Felsenburg gilt als eine ehemalige überregional bedeutsame Kultstätte, die als solche seit dem Neolithikum über die Bronze- und Eisenzeit (Kelten und Germanen) bis zur Missionierung „in Betrieb“ war. Es ist davon auszugehen, dass das ein prähistorischer Meetingpoint war, der noch ganz andere, ältere Gesichter als die der keltischen Nutzer gesehen hat. In der Nähe der Angelburg wurden auch mehrere vorgeschichtliche Siedlungen nachgewiesen..

Partys seit Millionen Jahren


Die einzelnen Felsformationen sind bis zu 15 Meter hoch. Sie wirken aus dieser Perspektive im fahlen Winterlicht noch einen Tick mystischer. Foto: Markus Novak

Schon steinzeitliche Jäger und Sammler dürften hier gewohnt, konferiert und gefeiert haben. Letzteres pflegen heuer vor allem Jugendliche Partygänger zu tun, die die Abgeschiedenheit des Schelderwaldes zu schätzen pflegen und von deren Durst leere Flaschen und Dosen an der  Feuerstelle zeugen. Aber man muss  nicht erst ein paar Pullen von Braciacas Gebräu intus haben, um in den Felsen menschliche Gesichtszüge zu erkennen. Vor allem der 15 Meter hohe „Lange Stein“ kann da auch für Nüchterne eine Fundgrube sein. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel und welcher Himmelsrichtung Auge und Vorstellungskraft schweifen, kristallisieren sich ein Gesicht mit Richard-Wagner-Kinnbart, ein Kopf mit Hut bzw. Mütze oder ein noch größeres skulptiertes Antlitz heraus. Und das ist keine Einbildung.

Ob im beschwingt-sommerlichen Gegenlicht oder eingetrübt durch die Schwere und die Agonie eines grauen, von Nebelschwaden und Dunst durchwirkten Januar-Tages, dieser Sehnsuchts-Ort erfindet seinen Zauber ständig neu, an jedem Tag, zu jeder Jahreszeit. Er wirkt, gerade im Winter, besonders schroff und unnahbar, abweisend, verschlossen, unzugänglich. Nachgerade kryptisch. Wie wohl mögen jene, die sich hier einst tummelten, das empfunden haben? Versuchen wir uns in die Geistes- und Empfindungswelt derer zu versetzen, die diesen Platz einst bevölkert haben.


Wenn Steine reden könnten! Schon steinzeitliche Jäger und Sammler haben an den Wilhelmsteinen gewohnt, konferiert und gefeiert. Foto: Markus Novak

Man braucht nicht viel Fantasie, um aus den natürlichen Gegebenheiten und Strukturen auf eine praktische Nutzung in „grauer Vorzeit“ schließen zu können. Im Bereich der einzelnen Felsformationen finden sich diverse Stellen, die die früheren „Hausherren“ schon mit relativ geringem Aufwand hätten zu Lager- und Schlafplätzen ausbauen können, was sie vermutlich auch getan haben. Das gilt beispielsweise für die Felsüberhänge in südlicher und südöstlicher Lage. Ein paar Äste und Zweige haben da wohl schon gereicht, und fertig war die „gut Stubb“.
Durchaus vorstellbar auch, dass der gesamte Bereich der „Felsenburg“ einmal befestigt war. Die Zwischenräume zwischen den äußern Felsen wurden dazu, so die Theorie, unter Verwendung herumliegender Felsbrocken sowie mit Baumstämmen und Astwerk verschlossen. Am Südrand  deutet einiges darauf hin, dass das auch geschehen ist. Die in die Befestigung einbezogenen Felsen wären in diesem Fall hervorragende Beobachtungs- und Verteidigungstürme gewesen.

 

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