post-title Pilot am Fallschirm über
Hirzenhain erschossen https://www.hirzenhain.net/wp-content/uploads/xxx-Me262.jpg 2019-03-25 10:27:25 yes no Posted by Categories: Blog, Geschichte

Pilot am Fallschirm über
Hirzenhain erschossen

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Pilot am Fallschirm über <br />Hirzenhain erschossen


Willi Ehrecke wurde 21 Jahre halt. Amerikanische Jagdflieger erschossen den wehrlosen Piloten über Hirzenhain während er am Rettungsschirm zu Boden schwebte.

Vor wenigen Tagen, am 23. März, hat sich in Hirzenhain zum 74. Mal ein Luftkriegsdrama gejährt, das auch durch die zeitliche Distanz nichts von seiner erschütternden Unfassbarkeit eingebüßt hat. Damals war ein deutscher Flugzeugführer, der über dem Ort aus seiner brennenden Maschine ausgestiegen war, von US-amerikanischen Jagdbomberpiloten am Fallschirm erschossen worden. Ein aus heutiger Sicht veritables Kriegsverbrechen, das aber nie gesühnt wurde.

Die Definition war seinerzeit und in diesem Fall noch gar nicht so eindeutig möglich. Erst 1949, also vier Jahre später, wurden gezielte Angriffe auf Menschen an einem Rettungsschirm in einem Zusatzprotokoll zu Artikel 42 der Genfer Konvention 1949 explizit geächtet. Die Täter wurden nie ermittelt, ein Grab auf dem Hirzenhainer Friedhof hält die Erinnerung an das Opfer wach. Name: Willi Ehrecke. Er wurde 21 Jahre alt. Wenige Tage vorher hatte der Unteroffizier noch Geburtstag feiern können. In Hirzenhain kannte ihn bis dahin kein Mensch, doch das ganze Dorf war auf den Beinen, als der Tote vier Tage später zu Grabe getragen wurde.

Zeitzeugen erinnern sich

Es gibt noch Zeitzeugen, die sich an den schrecklichen Vorfall erinnern bzw. ihn mit eigenen Augen beobachtet haben. Drei Angreifer sollen es gewesen sein, die den hilflos am Schirm baumelnden Flieger mit ihren Bordwaffen unter Feuer genommen hatten. Hirzenhainer Buben sahen mit an,  wie sich der getroffene Pilot unter den Einschlägen zusammen krümmte. Dann hing er reglos in den Fangleinen. Eine Junge, der zufällig in der Nähe war, hatte die Gestalt in Höhe des den Hirzenhainern als „B-Kopf“ bekannten Geländestreifens am Eiershäuser Hang kurz vor dem Aufprall am Boden noch auffangen können, doch hier kam jede Hilfe zu spät. Willi Ehrecke war vermutlich innerlich verblutet.


Die Me 262 „Sturmvogel“ war allen gegnerischen Flugzeugen ihrer Zeit weit überlegen. Heute, 73 Jahre später, erlebt die bahnbrechende Konstruktion eine Renaissance. In Amerika werden diese ersten seriengefertigten Düsenjäger der Welt nachgebaut. Auch die Messerschmitt-Stiftung hat ein Exemplar erworben. Foto: Wilfried Birkholz

Bei den US-Flugzeugen handelte es sich um Jagdbomber des Typs P-47 “Thunderbolt”. Maschinen des gleichen Typs waren es auch, die zwei Tage später den Eschenburg-Turm in Brand geschossen hatten. An diesem 23. März jedoch hatten sie sich als Begleitschutz eines in Richtung Kassel ziehenden Bomberpulks in 3.000 Metern Höhe über Frohnhausen/Manderbach heftige Luftkämpfe mit mehreren deutschen Me 262 geliefert. Die Strahlvögel gehörten zur 1. Staffel der I. Gruppe des bei Giebelstadt in der Nähe von Würzburg stationierten Kampfgeschwaders K 54. Diese ersten in Serie gefertigten Düsenjäger der Welt galten damals als “Wunderwaffe”.  Was den unfassbaren Vorfall, abgesehen von seiner Tragik, für die Hirzenhainer und Eibelshäuser auch so außergewöhnlich, um nicht zu sagen, sensationell machte. Sie hatten bis dahin noch nie einen leibhaftigen Jet zu Gesicht bekommen. Ehreckes Flugzeug hatte bei den Luftkämpfen mindestens einen schweren Treffer kassiert und war dann, dichte Rauschschwaden hinter sich herziehend, nach Osten abgedreht. Notausstieg unweit von Hirzenhain. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Siehe oben.

Absturzstelle heute noch zu erkennen

Die führerlose, brennende Me 262 war nach dem Ausstieg des Piloten in Richtung Roth getrudelt und unter lautem Getöse in einer Fichtenschonung im Eibelshäuser Gemarkungsteil „An der Burg“ unweit des Geländepunktes, den die Ortsansässigen „Eierbank“ nennen, zerschellt. Der Punkt markiert zugleich die höchste Stelle des heute hier vorbei führenden Natur-Erlebnispfades. An einer Mulde im Erdreich ist die Absturzstelle für den, der weiß, wonach er sucht, heute noch gut zu erkennen. Sie wurde in Folge zum Anlaufpunkt ungezählter Sammler und Souvenirjäger. Noch Jahrzehnte nach dem Crash wurden hier Wrackteile entdeckt.


Das Grab Willi Ehreckes auf dem Hirzenhainer Friedhof wird heute noch gepflegt. Die Grabplatte ist selbstredend.

In den Taschen des toten Unteroffiziers (Erkennungsmarken-Nummer 67412/419) fand man neben einem Zigarettenetui und einem leeren Notizbuch einen Trauring und einen Siegelring aus Edelstahl, beide mit den Initialen „W.H“. Was den Schluss nahelegt, dass er zumindest verlobt war. Doch den Namen einer etwaigen Ehefrau fand in der Korrespondenz zwischen Mitgliedern des Arbeitskreises Luftkrieg des Herborner Geschichtsvereins und Ehreckes bei Mageburg lebender Schwester nie Erwähnung. Der Eiershäuser Sepp Prosch hatte letztere vor Jahrzehnten einmal aufgesucht und von ihr für eine Dokumentation zahlreiche Fotos des Bruders erhalten. Dieter Hild, einer der führenden Herborner Luftkriegsforscher, hat das Vorkommnis akribisch recherchiert und konnte somit auch das persönliche Umfeld und die Laufbahn des toten, aus dem Brandenburgischen Breitenfeld (Altmark) stammenden Piloten aufzeigen. Hild gelang es auch, das größte Wrackteil des verunglückten Düsenjägers, eine Radnabe des Hauptfahrwerks, für die Sammlung im Herborner Museum zu sichern.

 

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