post-title US-Jagdbomber fackelten
den Eschenburg-Turm ab https://www.hirzenhain.net/wp-content/uploads/Turm-1-klein.jpg 2019-03-26 12:48:41 yes no Posted by Categories: Blog, Geschichte

US-Jagdbomber fackelten
den Eschenburg-Turm ab

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US-Jagdbomber fackelten <br />den Eschenburg-Turm ab


Die einzig existierende Aufnahme vom brennenden Eschenburgturm. Hans-Hartmut Conrad aus Niederscheld hatte als 12-jähriger Bub im entscheidenden Moment auf den Auslöser gedrückt. Als die Löschmannschaften den Brandherd erreichten, war die hölzerne Konstruktion bereits komplett abgefackelt. Foto: Hans-Hartmut Conrad

Ja, da war ja auch noch die Sache mit dem Eschenburg-Turm, dessen Zerstörung sich am 23. März zum 74 Mal gejährt hat. Irgendwie war das Bauwerk auch Teil der Hirzenhainer Geschichte, auch wenn es auf fremden Territorium stand, dem der Nanzenbacher. Inzwischen gibt es (wieder einmal) Bestrebungen, den Tower neu aufzubauen, eventuell sogar an einer ganz anderen Stelle als der ursprünglichen. Was in den Augen nicht weniger aber keinen Sinn machen würde. Was bitteschön soll ein Eschenburg-Turm am Hirzenhainer Hornberg, am “Staffelböll”, oder am alten Wissenbacher Sportplatz? Wenn man schon in historischen Bezügen denkt, dann käme, sagen die Kritiker, auch nur der Originalstandort für ein solches Projekt in Frage. Aber das ist wieder eine andere Baustelle.

Warum genau zwei amerikanische Jagdbomber den “Turm des deutschen Bergmanns” am Vormittag dieses 23. März 45 zersägt hatten, ist bis heute nicht genau geklärt. Wobei “zersägt” ja auch nicht unbedingt der richtige Ausdruck ist. “Abgefackelt” trifft es da schon eher. Ein paar Salven aus den Bordkanonen, und die hölzerne Konstruktion brannte wie Zunder – und ab bis auf das 20 x 20 Meter messende und aus Diabasstein gemauerte Untergeschoss. Binnen einer Stunde war von dem einstmals so stolzen und 38 Meter hohen Bauwerk nichts mehr übrig. Tilt,  game over!

Ob die Tatsache, dass sich in der Spitze des Turms eine rund um die Uhr besetzte Flugwache befand, der alleinige Grund für den Angriff war, darf bezweifelt werden. Eine solche war hier bereits 1943 eingerichtet worden, um Tag und Nacht nach feindlichen und eigenen Flugzeugen Ausschau zu halten. Die Aussichtsplattform gewährte einen herrlichen Fernblick auf das Rothaargebirge, den Westerwald und bei klarem Wetter sogar bis in den Taunus hinein. Zum Flugwach-Kommando (“Fluko”) in Gießen bestand eine direkte Fernsprechleitung. Auch zum Zeitpunkt der Zerstörung hatten in der Turmspitze drei Luftwaffenhelferinnen Dienst geschoben. Die Mädels konnten sich in letzter Sekunde retten, wurden aber auch noch auf ihrer Flucht zu Fuß von den “Thunderbolt”-Jabos unter Beschuss genommen.

Durch MG-Beschuss provoziert?


Von der Eschenburg schweift der Blick weit ins Land. Auf diesem Foto ist Wissenbach zu sehen. Die Aussichtsplattform des Turmes gewährte einen herrlichen Fernblick auf das Rothaargebirge, den Westerwald und bei klarem Wetter sogar bis in den Taunus hinein. In der Spitze des Turms war eine rund um die Uhr besetzte Flugwache untergebracht. Foto: Archiv Regionalmuseum Eschenburg

Die Piloten der P-47 könnten sich durch eine deutsche Maschinengewehr-Einheit provoziert oder bedroht gefühlt haben. Selbige hatte sich an diesem Morgen etwa einen Kilometer unterhalb des Turms unweit des Steinbruchs festgesetzt. Ihr galt offensichtlich zunächst die Aufmerksamkeit der Ami-Flieger, die ihr Ziel in immer kürzeren Intervallen und Abständen umkreisten. Die Deutschen eröffneten mit zwei M9-Maschinengewehren das Feuer auf die Maschinen, worüber  deren Besatzungen offenbar “not amused” waren. Sie könnten einen unmittelbaren militärischen Zusammenhang zwischen Turm und Truppe vermutet haben, was das Schicksal des ersteren besiegelte – neun Jahre nach der Einweihung.

Die Flugzeuge „verschwinden hinter dem Kamm der hohen Fichten, stoßen aus ganz geringer Höhe auf den Turm herab, schießen ihm einige Feuerstöße Brandmunition in die Wände und ziehen dann hoch, als bereits die Rauchfahnen ihrer zündenden Wirkung aus den oberen Stockwerken heraus ziehen“. So schilderte es der Dillenburger Dr. Karl Dönges in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht. Durchaus denkbar aber auch, dass das Interesse der Angreifer ursprünglich dem Hirzenhainer Segelfluggelände gegolten hatte und sie durch die MG-Einheit lediglich von einer Attacke auf dieses abgelenkt worden waren. Aber die Angreifer ballerten in diesen unseligen Tagen sowieso auf alles, was bei Drei nicht auf den Bäumen war. Am Ortseingang von Wissenbach hatten Tiefflieger am selben Tag ein Kuhfuhrwerk, das gerade ein Jauchefass transportierte, beschossen. Der Brand eines Wohnhauses im Ort selbst, in das etliche Geschossgarben eingeschlagen waren, durfte da als „Kollateralschaden“ dieses Angriffs verbucht worden sein.

Da sah man nur noch Trümmer rauchen….


Der traurige Rest. Der hölzerne Tower brannte seinerzeit bis auf das aus Diabas-Steinen gemauerte Untergeschoss nieder. Fragmente des Sockels waren noch Jahrzehnte später sichtbar und erinnerten an die Blütezeit des Bauwerks, das gerade mal neun Jahre Bestand hatte. Foto: Archiv Regionalmuseum Eschenburg

Nach knapp einer Stunde hatten die ersten Helfer aus dem Tal den Schauplatz des Geschehens  erreicht. Doch zu löschen gab es hier längst nichts mehr. Da sah man nur noch Trümmer rauchen, der Rest war nicht mehr zu gebrauchen. Doch das stimmte nicht ganz. Ein großer Teil der Fundamente fand später beim Bau von Wohnhäusern in Nanzenbach Verwendung.  Noch während die zum Nichtstun verdammten Bergungsmannschaften fassungslos das Bild der Verwüstung in sich aufnahmen, kehrten die Jagdbomber zurück. Die Menschen flüchteten in Panik in das angrenzende Gebüsch, doch die Flugzeugführer hatten ihre Munition vermutlich schon alle verschossen oder kein Interesse an einem Blutbad.

Vom Akt der Zerstörung gibt es nur ein einziges, leicht verwackeltes Foto, das zwar nicht den Angriff auf den Turm direkt zeigt, aber dessen unmittelbare Folgen wenige Augenblicke nach der Attacke. Eine dicke, schwarze Rauchfahne steigt über der brennenden Spitze in den Himmel. Damit hatte sich das während der Einweihung am 20. Juni 1936 von vielen hundert Kehlen angestimmte Lied „Flamme empor“ auf fatale Weise erfüllt. Besagte Aufnahme stammt von dem Niederschelder Hans-Hartmut Conrad, der, nachdem zu Hause ausgebombt, bei seiner Tante in Wissenbach eine vorübergehende Bleibe gefunden hatte. Die Leica seines „alten Herrn“, des Niederschelder Pfarrers, hatte er immer in seiner Hosentasche dabei und drückte natürlich auch im entscheidenden Moment auf den Auslöser.

Anschaulich beschrieben werden die letzten Minuten des Turms in dem 2008  von Winfried Krüger, Wolfgang Hofheinz II und Horst Holighaus herausgegebenen Buch „Der Eschenburgturm“. Überhaupt bietet die Lektüre eine Fülle von Informationen über die Entstehungsgeschichte des Bauwerks, das ja eine Art vorweggenommenes Wahrzeichen der damals noch gar nicht existierenden Großgemeinde war und gleich zweimal errichte wurde.

Husch und Pfusch am Bau: Abriss


Frühe Farbaufnahme des Turms in der ersten Version. Die Aussichtsplattform war noch offen. Sie erhielt Nach Abriss und Wiederaufbau Glasfenster. Foto: Archiv-Regionalmuseum Eschenburg

Während Kellergeschoss mit Unterbau, Erdgeschoss und Aufbau aus massivem Mauerstein bestanden und ein frühgeschichtliches Museum und eine Ausflugslokal beherbergten, wurden die zehn darüber liegenden Etagen mit ihren insgesamt 160 Fenstern in Holzbauweise gefertigt. 150 Kubikmeter Holz waren dafür erforderlich. Die Zeit drängte, weil der avisierte Einweihungstermin zur Sonnenwende am 20. Juni 1936, immer näher rückte. Aber „Husch“ bedeutete in diesem Falle auch „Pfusch“. Unter anderem wurden Eckbalken in aller Eile einfach angesägt, um Fenster einsetzen zu können, was die Tragfähigkeit der gesamten Konstruktion unterhöhlte.
Die riesige Einweihungsparty mit viel Brimborium konnte zwar pünktlich erfolgen, doch schon am 30. Juni bezog ein Gendarm am Eingangsportal Position und verwehrte jedem Besucher den Zutritt:

Wegen erheblicher Baumängel wurde die Anlage komplett für jedweden Publikumsverkehr gesperrt. Es blieb den Verantwortlichen nichts anderes übrig, als den kompletten Holzaufbau Stück für Stück abzutragen und durch einen auch statisch gesünderen (und ein paar Meter kleineren) zu ersetzen. Während Version 1 unter dem Dach eine offene Aussichtsplattform aufwies, wurden die Luken beim Neubau durch eiserne Fenster geschlossen. Am 15. Juni 1937 hatte schließlich zum zweiten Male Einweihung gefeiert werden können.

Das für den Bau und die Außenanlagen benötigte Grundstück hatten die auch von der NSDAP nach Kräften unterstützten Projektbetreiber, die Arbeitsgemeinschaft “Volkstum und Heimat Eschenburg”,  nach zähen Verhandlungen für 1500 Reichsmark erwerben können. Der Planierung der Freifläche mussten damals 10.000 Quadratmeter Fichtenwald weichen. Der Bau der Zufahrtsstraße sicherte 150 arbeitslosen Wohlfahrtsempfängern für ein halbes Jahr Beschäftigung.

 

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