post-title Vergessen und verfüllt
Alte Hirzenhainer Gruben https://www.hirzenhain.net/wp-content/uploads/01-Bergleute.jpg 2019-02-08 12:16:35 yes no Posted by Categories: Blog, Geschichte

Vergessen und verfüllt
Alte Hirzenhainer Gruben

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Vergessen und verfüllt <br/>Alte Hirzenhainer Gruben


Schicht im Schacht: Hirzenhainer Bergleute auf dem Weg nach Hause. In den Gruben im Schelderwald fanden viele von ihnen Lohn und Brot. Es gab aber auch eine Abkürzung, eine direkte unterirdische Verbindung zwischen dem Dorf und der Amalie.

Die Unterwelt der Lahn-Dill-Region ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Was der Jahrhunderte langen Bergbautradition geschuldet ist. Hirzenhain stand ja dahingehend immer etwas im Schatten der Oberschelder, Nanzenbacher und Eibacher Nachbarn. Auf deren Territorien befanden sich jedenfalls die großen und ergiebigsten Abbaustätten, in denen auch „Gruwwemenner“ aus HiHai Lohn und Brot fanden. Genannt seien exemplarisch der Königszug, der Falkenstein, die Neue Lust, die Grube Beilstein und der Auguststollen. Gut, wir hatten die  „Amalie“, aber das war’s dann auch schon. Oder vielleicht doch nicht?

Was den wenigstens bekannt ist: Auch unmittelbar im Ortsgebiet gab es früher Dutzende und inzwischen längst in Vergessenheit geratene Schürf- und Abbaustätten, durch deren Ausbeutung sich unsere Vorfahren ein Zubrot verdienten, oder zumindest hofften, das tun zu können. Diese Gruben waren vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Betrieb, das dann meist aber auch nur für wenige Jahre. Gebuddelt wurde hier vornehmlich nach Eisenerz, aber auch nach Schwefel, Mangan und Kupfer.


Auch der Hirzenhainer Untergrund ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Viele der Stollen aus dem Schelderwald führen bis unter den Ort und waren bis vor ein paar Jahren auch noch begehbar.

In der Regel waren das kleine klitschenhafte „Start-Ups“, die von „Einzelkämpfern“ oder einem kleinen Betreiber-Kollektiv ausgebeutet wurden. Wenn es im Winter in der Landwirtschaft weniger zu tun gab, beantragte der ein oder andere Hirzenhainer schon mal Schürfrechte, sogenannte „Mutungen“ – und versuchte sein Glück. Nicht selten lautete das Ergebnis: außer Spesen nix gewesen! Die vermeintliche „Goldader“ erwies sich als Total-Flop und wurde nach relativ kurzer Zeit wieder aufgegeben. Aber hin und wieder lohnte sich auch die Mühe.

Emsige Wühltätigkeit

Auf alten Bergwerkskarten verzeichnete Grubennamen wie „Egytia“ (auch „Egidia“) oder „Elisenburg, zeugen von diesen Aktivitäten. Die unweit der Angelburg gelegene „Egytia“, die zwischen 1853 und 1888 offen war, lieferte Eisenerz; in der „Elisenburg“, die sich im Bereich des heutigen Bolzplatzes befand, wurde von 1871 bis 1884 Schwefel abgebaut. Die Grube „Gottessegen“ hingegen zählte zu den älteren ihrer Art. Ihre Anfänge datieren aus dem Jahr 1758. 20 Jahre lang wurde hier Kupfer gefördert. Sie befand sich linkerhand des Verbindungsweges in Richtung Bahnhof unterhalb des heutigen Hundeplatzes.  In einigen alten Verzeichnissen wird diese Abbaustätte auch als  „Gottesgabe“ aufgeführt, was oft zur Verwechslung mit der gleichnamigen Silbermine in Roth führte.

Was hätten wir noch zu bieten? Namen wie „Danielshoffnung“, „Glücksmond“, „Glücksstern“, „Hermannsberg“, „Juliuszeche“, „Oranienstein“, „Schöne Hoffnung“, „Sengelborn“, „Vollmond“. „Spieß“, „Arnoldslust“ und „Tannhauser“ zeugen von einer emsigen Wühltätigkeit, die sich in der Regel auf den Tageabbau beschränkte, aber nicht nur. Mitunter ging’s auch in die Tiefe. Auf historischen Situationsrissen des Deutschen Bergbaumuseums Bochum sind diese Stätten eingezeichnet bzw. markiert. Nicht alle, aber die meisten: http://www.digipeer.de/index.php?media=DBM_070010029201&size=3

Illegale Abbaustätten

Daneben gab es auch eine Fülle von „illegalen“ und deshalb namenlosen Abbauflächen. Die Betreiber gruben hier heimlich und ohne Lizenz nach Bodenschätzen. Das könnte beispielsweise auch im Bereich des „Schinnheckelchens“ der Fall gewesen sein. Wer genau hinschaut, findet in dem kleinen Wäldchen auch heute noch den ein oder anderen Eisenstein. An der Böschung sind sogar noch die Konturen eines früheren Stolleneingangs zu erkennen. Zumindest für den, der genau weiß, wo er zu suchen hat.  Das ein paar hundert Meter nordwestlich der „Schönen Hecke“ in Richtung Schwarzbachtal gelegene „Mundloch“ soll noch vor dem 2. Weltkrieg zugänglich gewesen sein. Aber dieses Tor zur Unterwelt ist auf keiner offiziellen Karte eingezeichnet. Ein Indiz dafür, dass das hier eine Undercover-Operation gewesen sein muss.

Wenn sich die Erde auftut


Auf historischen Karten sind die alten Hirzenhainer Schürf- und Abbaustätten noch eingezeichnet. Sie hießen beispielsweise „Vollmond“, „Danielshoffnung“, „Arnoldlust“ und „Elisenburg“ wie aus diesem Situationsriss aus dem Bestand des Deutschen Bergbaumuseums hervorgeht.

Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts tat sich hier dann über Nacht die Erde auf, und zwar auf einer ein paar Meter vom südlichen Rand des „Schinnheckelchens“ entfernt gelegenen Wiese. Selbige diente als Weidefläche für Kühe. Glück im Unglück: Die Rindviecher grasten zum Zeitpunkt des Einsturzes woanders. Sonst wären sie verschlungen worden. Unterhalb der Fläche verlief offenbar ein alter Stollen, der von besagter „schwarz“ angelegter Grube ausging. Die Erde darüber war eingebrochen und hatte sich gesenkt, ein tiefes Loch gewährte Einblicke in die Unterwelt.

So etwas war in Hirzenhain auch schon in den Jahren davor immer mal wieder vorgekommen. In den 50ern beispielsweise hatte sich die Grube „Schöne Hoffnung“, die zwischen 1833 und 1871 in Betrieb war, auf ähnliche Weise in Erinnerung gerufen. Die unterirdische Abbaufläche befand sich südwestlich des heutigen Hochbehälters. Ein Nebengang war eingebrochen und hatte einer Kuh buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen. Es dauerte damals mehrere Stunden, um das panische Tier aus seiner Zwangslage zu befreien.

Einige aus dem Schelderwald kommende Stollen reichen bis unter den Ortsrand und waren bis vor ein paar Jahren auch noch begehbar. Hirzenhainer Bergleute nutzten diese Gänge früher auch als „Abkürzung“, um im Winter trockenen Fußes zu ihrem Arbeitsplatz, der Grube Amalie, zu gelangen. .

 

Comments: 1

  1. Achim Sauer

    Die Glückstern von der heute nur noch einige Pingen und Abbaustellen für Füllmaterial zu sehen ist, war zunächst die größere Grube. In einem Jahresbericht der Handelskammer zu Dillenburg für 1872 sind Förderzahlen der Hirzenhainer Gruben Glückstern und Amalie sowie anderer Gruben angegeben. Demnach förderte die Glückstern mit einer Belegschaft von 23 Mann 26900 Zentner Eisenerz (1345 Tonnen, ca. 58,5 Tonnen Jahresförderung pro Mann). Die Amalie förderte zu der Zeit 17217 Zentner, jedoch mit einer Belegschaft von nur 6 Mann.
    ( knapp 861 Tonnen, ca 143,5 Tonnen Jahresförderung pro Mann). Das zeigt das der Abbau auf der Glückstern schwierig gewesen sein muss. Die Grube Amalie hat die Erzlager, durch ihre Lage, auf einer anderen Tiefe anfahren können was sie nach der Zusammenlegung mehrerer Grubenfelder zum Hauptförderschacht machte.

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